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BUND Sachsen-Anhalt

Offener Brief der Betriebsräte der Firmen Knauf, Casea und St. Gobain Formula zum Gipsabbau im Südharz an die Ministerpräsidenten der Länder Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt

12. Februar 2019 | BUND, Harz, Klimawandel, Lebensräume, Naturschutz, Wälder

Für den Erhalt von Landschaft und nachhaltigen Arbeitsplätzen in der Südharz-Region

Hannover – Erfurt – Magdeburg. In einem Offenen Brief haben sich sechs Landesnaturschutzverbände von BUND, NABU und NaturFreunden sowie der Niedersächsische Heimatbund an die Ministerpräsidenten der Länder Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, Stephan Weil, Bodo Ramelow und Dr. Reiner Haseloff, gewandt.

Die Landesverbände des BUND, der NABU und die NaturFreunde Niedersachsen sowie der Niedersächsische Heimatbund setzen sich seit Jahrzehnten für die europaweit einmalige Karstlandschaft im Südharz ein. Der Erhalt der natürlichen Lebensräume und Kulturlandschaften liegt uns dabei ebenso am Herzen wie die Schaffung und der Erhalt langfristiger nachhaltiger Arbeitsplätze in der Südharzregion.

Die Betriebsräte der in der Region Südharz tätigen gipsverarbeitenden Unternehmen Knauf (Rottleberode), CASEA (Ellrich) und Saint Gobain Formula (Walkenried) hatten sich zum Jahreswechsel in einem Brief an die Ministerpräsidenten gewandt und gegen die angebliche „Gefährdung ihrer Arbeitsplätze durch die staatliche Verhinderung von notwendigen Abbauflächen“ protestiert. Dabei werde zugelassen, „unsere Arbeitsplätze zu zerstören, statt im Sinne eines schonenden Abbaus mit uns zu kooperieren.“

Abgesehen davon, dass der letztere Vorwurf nicht zutrifft, weisen die Naturschutzverbände darauf hin, dass es beim Schutz der Karstlandschaft nicht darum geht, Arbeitsplätze zu verhindern. Es geht darum, diese in Europa einmalige Gipskarstlandschaft innerhalb des vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) bestätigten Hotspots der Artenvielfalt zu erhalten. Weiterhin stellen die Verbände fest:

„Die Südharzregion etabliert sich länderübergreifend derzeit mit hoffnungsvollen Ansätzen im Bereich der touristischen Vermarktung. Mit der Schaffung von regionalen Wirtschaftskreisläufen mittels Vermarktung heimischer Produkte und des in Sachsen-Anhalt etablierten Biosphärenreservats „Karstlandschaft Südharz“ hat die Region einen Platz im Ranking der Nationalen Naturlandschaften gefunden, den es qualitativ und quantitativ auszubauen und zu fördern gilt.

Wir setzen uns seit Jahrzehnten im Südharz für eine Umstellung der Anhydrit- und Gips-Baustoffbranche auf Recycling- und Sekundärgipse sowie nachwachsende Rohstoffe ein. Die sich bietenden Möglichkeiten werden im Südharz aber noch nicht konsequent genug umgesetzt. Ein wesentlicher Grund dafür ist der im Verhältnis zum Recycling zu günstige und einfache Abbau der endlichen Gipsvorkommen. In Bezug auf die Arbeitsplätze ist statistisch eindeutig nachgewiesen, dass im Südharz wesentlich mehr Arbeitsplätze im Tourismussektor und nachfolgendem Gewerbe gebunden sind als in der Gipsindustrie. Mit immer weiterem Naturgipsabbau wird die Landschaft endgültig und unwiederbringlich ihres Potenzials einer nachhaltigen Tourismusentwicklung und der damit verbundenen nachhaltigen Nutzung beraubt.

Da Gipsgestein nicht wie Holz nachwächst, kann es auch keinen sogenannten nachhaltigen Abbau geben. Hier baut sich die Naturgipsbranche lediglich langfristig selbst ihre Rohstoffgrundlage und die damit verbundenen Arbeitsplätze ab. Im niedersächsischen Karst sind bereits über 50 % Prozent der Flächen mit oberflächennah vorkommendem Gips abgebaut, in Thüringen aufgrund der größeren Vorkommen etwas weniger.

In dem Brief der Betriebsräte heißt es weiter, die Kampagne werde „mit der Behauptung geführt, wir zerstörten mit unserem Abbau die Natur. Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, dass das nicht wahr ist. (…) wird jede Abbaufläche umfassend renaturiert und naturnah umgestaltet (…). Solche Flächen entwickeln sich zu Biotopen, die eine Artenvielfalt aufweisen, die es dort vorher nicht gab.“

Zwar entwickeln sich Abbauflächen kurzfristig zu teilweise hochwertigen Offenlandbiotopen und weisen vorübergehend eine Artenvielfalt auf, die es vorher dort nicht gab. Doch sind die dann vorkommenden Pflanzen- und Tierarten nicht mehr typisch für die naturnahen Lebensräume auf Gips- bzw. Karstgestein. Diese sind geprägt von z. B. artenreichen Magerrasen, orchideenreichen Kalkbuchenwäldern, natürlichen Erdfällen und der ganzen Fülle der Gipskarstformen. Durch den Abbau wird die natürliche Artenzusammensetzung, aber auch das Landschaftsbild trotz Renaturierung nachhaltig negativ verändert. Übrig bleiben mit Gipsabraum aufgefüllte und gefällig modellierte Steinbrüche mit Ruderalvegetation ohne touristisches Potenzial.

Mit dem „Hotspot der Biodiversität“ im Südharz und Kyffhäuser sind vom BfN ausdrücklich „natürliche Biotope“ mit den „typischen Arten“ genannt, die sich über 10.000 Jahre seit der letzten Eiszeit hier entwickelt haben. DIESE Natur ist einmalig in ganz Europa und kann durch noch so intensive Renaturierung nicht wieder hergestellt werden.

Die Einmaligkeit der Karstlandschaft besteht neben der Biodiversität in ihrer ganz besonderen Geologie. Nur im Südharz treffen teilweise hohe Niederschläge, kalkfreie Bäche und Flüsse aus dem Harz UND oberflächennah vorkommender Gips aufeinander. Bäche schaffen Steilwände, Naturhöhlen entstehen, fallen wieder ein und lassen oberirdisch Senken, Erdfälle, Bachschwinden, periodische Seen, Abhänge und Rutschungen entstehen. Doch durch den Abbau wird das Gestein entfernt, dem die Landschaft ihren ungewöhnlichen und reichen Formenschatz verdankt.

Aus diesem Grund möchten wir Sie bitten: Erhalten Sie die schutzwürdigen Reste dieser einmaligen Gipskarstlandschaft für nachfolgende Generationen. Stellen Sie die politischen Weichen für die notwendigen Rahmenbedingungen und diskutieren Sie mit uns offen über eine nachhaltige Entwicklung. Unterstützen Sie die Arbeitsplätze und Firmen, die bereits nachhaltig wirtschaften und unsere Heimat erhalten. Helfen Sie der Rohstoffindustrie, diesen Weg zu gehen, der langfristige Arbeitsplätze schafft und dieser Gipskarstlandschaft und ihrer touristischen Nutzung eine nachhaltige Zukunft gibt.“

 

Heiner Baumgarten, Landesvorsitzender BUND Niedersachsen e.V.  

Erich Rickmann, Landesvorsitzender NaturFreunde Niedersachsen e.V.

 

Ralf Meyer, Landesvorsitzender BUND Sachsen-Anhalt e.V. 

Holger Buschmann, Landesvorsitzender NABU Niedersachsen e.V.

 

Ron Hoffmann, Landesvorsitzender BUND Thüringen e.V.                                                           

Prof. Dr. Hansjörg Küster, Präsident Niedersächsischer Heimatbund e.V.

 

 

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