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BUND Sachsen-Anhalt

30 Jahre Grünes Band: Zeitgeschichte und Natur erleben: von seltenen Tieren im Nationalpark Harz und weiteren „Grenzgängern“

25. Juni 2019 | BUND, Grünes Band, Lebensräume, Naturschutz

Nürnberg/Wernigerode/Marienborn, 25. Juni 2019

                                            

PRESSEMITTEILUNG

des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) zur Pressereise „Berg- und Talfahrt Grünes Band“ in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen am 25. und 26. Juni 2019: Vom höchsten Punkt des Grünen Bandes bis ins norddeutsche Tiefland

 

25. Juni 2019: Bis 1989 war Deutschland durch eine unmenschliche Grenze getrennt. Ganz im Gegensatz dazu steht das Grüne Band – der einzigartige Lebensraumverbund, der sich im Schatten des Eisernen Vorhangs durch ganz Deutschland entwickelte – heute sinnbildlich für eine länderübergreifende Zusammenarbeit. Es ist eine Schatzkammer der Artenvielfalt und eine einzigartige Erinnerungslandschaft an die jüngere deutsche und europäische Zeitgeschichte. Doch auch im 30. Jubiläumsjahr hat das Grüne Band immer noch Lücken und keinen flächendeckenden verbindlichen Schutzstatus.

Der erste Tag der zweitägigen Jubiläumsbereisung „30 Jahre Grünes Band“ beleuchtete die Grenzgeschichte und die Auswirkungen auf die grenznah wohnende Bevölkerung. Auf dem Brocken wurde die Bedeutung des Grünen Bandes für seltene Tierarten wie Luchs und Gartenschläfer erläutert.

Das Grüne Band ist eine Erinnerungslandschaft für die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas im Jahr 1989. Um die Erinnerungskultur zu fördern und gleichzeitig den Naturschatz des Grünen Bandes zu sichern, will das Land Sachsen-Anhalt dem positiven Beispiel Thüringens folgen und noch bis Ende des Jahres seinen 343 Kilometer langen Anteil am Grünen Band als Nationales Naturmonument ausweisen. Dieter Leupold, stellvertretender Vorsitzender beim BUND Sachsen-Anhalt e.V. und Projektleiter Grünes Band Sachsen-Anhalt, wies darauf hin, dass für die Erhaltung des Grünen Bandes sowohl auf Grund seiner Bedeutung als einzigem länderübergreifenden Biotopverbund als auch als Erinnerungslandschaft für die friedlich überwundene Teilung Deutschlands eine nationale Verantwortung besteht: „Dazu ist eine Unterschutzstellung des gesamten Grünen Bandes als Nationales Naturmonument erforderlich. Wir erwarten daher von der Landesregierung Sachsen-Anhalts, dass sie die im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbarte Ausweisung zügig umsetzt und den weiteren Lückenschluss im Grünen Band dringend voranbringt. Die weiteren Anrainerländer sollten diesem Vorbild folgen – dies wäre ein geeignetes Geschenk zum 30. Geburtstag des Grünen Bandes.“

Grenzmuseen und Gedenkorte sind Kristallisationspunkte der Erinnerungskultur. Bei einer Führung in der „Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn“ erklärte Christine Meyeringh, Besucherbegleiterin in der Gedenkstätte, das Grenzregime der DDR und die Funktion der Grenzübergangsstelle Marienborn an der Autobahn Hannover-Berlin: „Marienborn war gewissermaßen ein Nadelöhr zwischen Ost und West, ein hochgradig reglementierter Ort, der vor allem von Westdeutschen im Transit von und nach West-Berlin passiert wurde. Für die Menschen in der DDR dagegen war die Grenze in Richtung Westen nahezu undurchlässig. Viele scheiterten bei Fluchtversuchen, wurden verhaftet, einige erschossen.“ Uwe Friedel vom BUND-Fachbereich Grünes Band hob die Bedeutung der Grenzmuseen für das Verstehen der deutschen Teilungsgeschichte hervor: „Bei einer Wanderung am Grünen Band in Verbindung mit dem Besuch eines Grenzmuseums kann man die Teilung unseres Landes und was sie für die Menschen bedeutete nachvollziehen. Wir fordern daher die Länder auf, Grenzmuseen und weitere Maßnahmen zu unterstützen, um diese einzigartige Erinnerungslandschaft der jüngeren Zeitgeschichte zu erhalten und zu entwickeln.“

„Brocken-Benno“ begleitete die Bahnfahrt auf den Brocken, dem höchsten Punkt am innerdeutschen Grünen Band. Brocken-Benno ist ein weit über die Region hinaus bekannter Wanderer aus Wernigerode, der sinnbildlich für die neue Freiheit und die Vereinigung von Ost und West in der Harzregion steht. Als 1961 der Brocken zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde, war für ihn der Weg auf den Brocken für fast drei Jahrzehnte versperrt. Nach der Öffnung des Brockens lief der passionierte Wanderer und Naturliebhaber, der zeitweise auch unter Stasi-Beobachtung stand, über 8.000 Mal auf den Brocken und beeindruckte mit seiner persönlichen Sicht: „Freiheit kann ganz unideologisch einfach bedeuten, seinen Lieblingsort in der Natur besuchen zu können. Mein Leben zeigt, dass selbst diese Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.“

Der länderübergreifende Nationalpark Harz (Sachsen-Anhalt und Niedersachsen) ist der einzige Nationalpark am innerdeutschen Grünen Band. Doch beim Blick auf das Grüne Band Europa entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs fällt auf, dass der Nationalpark seine Grenzlage mit 48 weiteren Nationalparks in Europa  teilt, 16 davon Nationen übergreifend in Ost und West. Grenzen wurden häufig entlang von Gebirgskämmen und Flüssen gezogen und die Grenzgebiete unterlagen als militärisches Sperrgebiet oder wirtschaftliche Randzone einem geringen Nutzungsdruck. Sie erfuhren daher eine vergleichsweise geringe Naturzerstörung. Damit sind Grenzregionen auch als großräumige Wanderkorridore für Tierarten prädestiniert. Dies gilt nicht nur für den 50 bis 200 Meter breiten ehemaligen Todesstreifen, sondern auch für ein weiträumigeres Gebiet entlang der ehemaligen Grenze. Im Ergebnis kommen 1.200 Tier- und Pflanzenarten der Roten Listen Deutschlands im Grünen Band vor. Ole  Anders, Luchsexperte vom Nationalpark Harz, stellte dies am Beispiel der Wanderungen des Luchses bei seiner Ausbreitung aus dem Harz heraus dar. „Der Luchs nutzt auch das eigentliche Grüne Band. Entlang dieser Lebenslinie kann es Luchsen aus dem Harz gelingen, das deutsch/ tschechische Grenzgebiet zu erreichen, wo es ebenfalls eine Luchspopulation gibt.“ Der genetische Austausch zwischen den bislang noch weitgehend voneinander isolierten Luchspopulationen in Deutschland und Europa ist entscheidend für den Erhalt der Art. Die Wiederansiedlung der Luchse im Harz ist damals wie heute eine zukunftsweisende Zusammenarbeit zwischen Jägern und Naturschützern. Aus 24 ausgewilderten Luchsen ist eine vitale Population entstanden, deren Ausbreitungstendenz Hoffnung macht, dass die nach wie vor schwierige Situation des Luchses in Westeuropa verbessert werden könnte. Das Grüne Band hat das Potenzial, dabei als Verbindungsachse eine wichtige Rolle zu spielen.

Auch ein anderes seltenes, aber deutlich unbekannteres Säugetier hat ein wichtiges Vorkommen im Harz: der Gartenschläfer aus der Familie der Schlafmäuse. Der Rückgang der Bestände macht Naturschützer*innen große Sorgen und stellt die Wissenschaft vor große Rätsel, denn die Gründe für den Rückgang sind unbekannt. Mit dem durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt geförderten Projekt „Spurensuche Gartenschläfer“ sollen die Ursachen erforscht werden. Die Schwerpunkte der verbliebenen deutschen Mittelgebirgs-Vorkommen befinden sich allesamt am Grünen Band. Der Nationalpark Harz ermöglicht, dass in einer Telemetrie-Studie die Bewegungsmuster der kleinen Tierchen mit der Zorro-Maske genau untersucht werden können.

Hintergrund
Das Grüne Band gilt seit 30 Jahren als ein Symbol für die Überwindung von Grenzen und für die länderübergreifende Zusammenarbeit im Naturschutz. Als einzigartige Erinnerungslandschaft verbindet es Natur, Kultur und Geschichte entlang von 1.393 Kilometern mitten durch Deutschland. In Europa verbindet es 24 Staaten auf einer Länge von über 12.500 Kilometern und nahezu alle biogeographischen Regionen vom Eismeer bis an die Adria und ans Schwarze Meer.

Aufgrund der für Jahrzehnte eingeschränkten Nutzung im ehemaligen Todesstreifen und der dadurch heute noch ausgedehnten naturnahen Bereiche bildet das Grüne Band immer noch den einzig existierenden länderübergreifenden Biotopverbund Deutschlands. Allerdings gibt es auch Lücken im Biotopverbund: Auf 170 Kilometer Länge ist das Grüne Band insbesondere durch intensive landwirtschaftliche Nutzung in der Landschaft nur noch durch den Kolonnenweg oder gar nicht mehr erkennbar.

Der BUND kauft mit Hilfe von Spenden- und Fördermitteln Flächen im Grünen Band an. In neun Pilotregionen sind bereits über 1.000 Hektar langfristig gesichert und es werden erfolgreich Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen in Kooperation mit lokalen Akteuren und Landwirten durchgeführt.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat in den letzten 30 Jahren die Sicherung und Entwicklung des innerdeutschen Grünen Bandes durch eine Vielzahl von Projekten mit über 56 Millionen € unterstützt. Im Projekt „Lückenschluss Grünes Band“, das im Bundesprogramm Biologische Vielfalt vom BfN mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert wird, werden seit 2012 Lücken im Biotopverbund modellhaft geschlossen.

Es gibt 40 große und kleine Erinnerungs- und Gedenkorte am Grünen Band. Die größeren Einrichtungen (Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Gedenkstätte Point Alpha, Grenzmuseum Schifflersgrund, Grenzlandmuseum Eichsfeld, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn) bieten neben umfangreichen Dauerausstellungen zur Grenzgeschichte auch Sonderausstellungen u.a. zu Themen in Verbindung mit der SED-Diktatur sowie zum Leben an und mit der Grenze. An den meisten Orten sind Bauzeugnisse und Raumstrukturen der ehemaligen Grenzanlagen zu sehen. Eine Liste der Museen und Grenzdenkmäler findet sich in der Broschüre „Spurensuche Grünes Band“ (https://www.bund.net/service/publikationen/ detail/publication/spurensuche-am-gruenen-band/) auf Seite 26.

 

 

Für Rückfragen:
Uwe Friedel, Projektkoordinator BUND Fachbereich Grünes Band, mobil vom 25.-26.6.: 0173-8058563
gruenesband(at)bund-naturschutz.de, www.grunesband.info

 

Diese Pressemitteilung und umfangreiches Bildmaterial zum Grünen Band Deutschland und Europa finden Sie auf: www.bund.net/30jahre-gb

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