Geplante Stromtrasse bei Hötensleben: Gefährdung eines Denkmals der Einheit von nationaler Bedeutung

21. Oktober 2026 | BUND, Grünes Band, Lebensräume, Gesellschaft

Gemeinsame Pressemitteilung der Teilnehmenden des diesjährigen Netzwerktreffens Grünes Band Sachsen-Anhalt am 10.10.2026 in Hötensleben:

Die Teilnehmenden des diesjährigen Netzwerktreffens Grünes Band Sachsen-Anhalt am 10.10.2026 in Hötensleben wurden über eine Höchstspannungsleitung informiert, die als „Ostfalen“-Achse helfen soll, Windstrom nach Süddeutschland zu transportieren. Dabei stieß die letzte Planungsvariante der neuen Stromtrasse in diesem Abschnitt des Grünen Bandes auf massive Bedenken.

Beim bisher bekannten Stand der Planungen sei nicht auszuschließen, dass einer der Trassenverläufe das Grenzdenkmal Hötensleben im nördlichen Bereich mit bis zu 86 Meter hohen Masten unmittelbar tangiert und das Grüne Band, also den Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze, an drei Stellen in direkter Nähe zum Grenzdenkmals kreuzt. Für das national bedeutsame Grenzdenkmal würde dies eine erhebliche Beeinträchtigung seiner Integrität und Authentizität bedeuten.
Das Grenzdenkmal Hötensleben ist einer der eindrücklichsten Erinnerungsorte an die deutsche Teilung, an welchem der Aufbau der ehemaligen Grenzanlagen zwischen den beiden deutschen Staaten im Original erhalten und erlebbar ist. Ein solcher Eingriff würde ihn erheblich beeinträchtigen. Teile der betroffenen Flächen sind denkmalgeschützt; die gesamte Anlage gehört zum Nationalen Naturmonument (NNM) Sachsen-Anhalt und genießt daher doppelten gesetzlichen Schutz.

Rechtlich steht das Vorhaben auf unsicherem Boden. Das Gesetz über das Nationale Naturmonument Grünes Band Sachsen-Anhalt verbietet in § 9 Absatz 1 Nummer 4, Leitungen jeder Art über oder unter der Erde zu errichten, zu verlegen oder wesentlich zu verändern.
Auch ist nicht nachvollziehbar aus welchen Gründen vom bisherigen Vorzugskorridor für die Stromtrasse, der mit keinen gravierenden Beeinträchtigungen für das Grenzdenkmal verbunden gewesen ist, abgewichen wurde.

Die Unterzeichnenden erwarten vom Übertragungsnetzbetreiber und Planungsträger TenneT vollständige Transparenz zu den Gründen für diese Planänderungen herzustellen. Zugleich appellieren sie an TenneT die gesetzlichen Schutzbestimmungen und Vorgaben des Denkmals und Naturmonuments bei der Trassenplanung konsequent zu berücksichtigen. Eine Führung über das Denkmal hinweg oder in unmittelbarer Nähe sowie durch die geschützten Bereiche des Grünen Bandes, verbunden mit einer starken Veränderung des Erscheinungsbildes dieses einmaligen Grenzdenkmals und der schützenswerten und historisch wertvollen Naturbereiche im Umfeld des Viktorias-Sees muss vermieden werden. Die rechtlichen Vorgaben müssen sorgfältig geprüft und in der weiteren Planung verbindlich eingehalten werden.

Zitate:

Christine von Bose (Referentin im Projekt „Erinnerungskultur und Engagement am Grünen Band“ beim Landesheimatbund Sachsen-Anhalt und Organisatorin des Netzwerktreffens):
"Das Netzwerk Grünes Band ist ein lockerer Verbund von Akteurinnen und Akteuren aus den Bereichen Erinnerungskultur, Naturschutz und Tourismus, aus ehrenamtlich getragenen Vereinen genauso wie aus Institutionen und Behörden. Sie alle eint ein engagierter Einsatz für das Grüne Band in Sachsen-Anhalt. Beim diesjährigen Netzwerktreffen am 10.10.2026 in Hötensleben wurde lebhaft über die möglichen Trassenverläufe diskutiert und eine mögliche Beeinträchtigung des Grenzdenkmals deutlich kritisiert. Von dem einmaligen Charakter des Grenzdenkmals konnten sich alle Teilnehmenden bei einer Exkursion vor Ort überzeugen." 

Dieter Leupold (stellvertretender Landesvorsitzender BUND Sachsen-Anhalt & Projektleiter Grünes Band):
"Wir alle tragen eine Verantwortung dafür, das Grüne Band zu bewahren. Das Grüne Band ist heute der größte und einzige nationale Biotopverbund Deutschlands und eine einzigartige Gedächtnislandschaft an die Überwindung der deutschen und europäischen Teilung. Eine Anerkennung als UNESCO-Welterbe-Stätte würde die herausragende Bedeutung dieses Korridors als Biotopverbund und Rückzugsraum vieler seltener Arten sowie als Gedenk- und Erinnerungsort deutlich unterstreichen. Wir müssen daher alles dafür tun, auch die Integrität des Erinnerungsortes Hötensleben zu erhalten."

Stephan Löffler (Bürgermeister der Gemeinde Hötensleben):
"Das geplante Infrastrukturprojekt des Übertragungsnetzbetreibers TenneT sorgt in der Gemeinde Hötensleben und noch weit darüber hinaus für tiefgreifende Besorgnis und geschlossenen Widerstand. Es steht zu befürchten, dass das hier vorhandene historische Erbe massiv gefährdet wird. Durch die Errichtung von Masten und Leitungen im unmittelbaren Sichtfeld des heutigen Denkmals, würde die visuelle Authentizität und die bedrückende historische Wirkung der DDR-Grenzanlagen unwiderruflich zerstört werden. In den vergangenen 36 Jahren konnte sich im Grünen Band eine einmalige Flora und Fauna entwickeln. Die Transformation des ehemaligen Todesstreifens zum lebendigen Naturdenkmal und die Möglichkeit anfassbare Erinnerungskultur für nachfolgende Generationen zu erhalten, darf nicht zum Spielball energiepolitischer Interessen werden."

René Müller (Vorsitzender des Grenzdenkmalvereins Hötensleben e. V.):
"Stellen Sie sich vor es würde eine Trasse über die barocken Gärten von Sanssouci oder in einer Sichtachse von Schloss Neuschwanstein geplant, der Aufschrei wäre sehr laut. Es würde niemand wagen. Das Grenzdenkmal ist zwar weniger romantisch, aber ein Denkmal der Einheit und ein Mahnmal gegen Diktaturen. Zurzeit ist seine Bedeutung sogar wichtiger, denn unsere Demokratie muss erhalten bleiben."

Ulrich-Karl Engel (Mitglied des ehemaligen Kuratoriums Grünes Band zur Vorbereitung der Ausweisung als Nationales Naturmonument in Sachsen-Anhalt):
"Am Grünen Band ist das Grenzdenkmal bei Hötensleben einer der wichtigsten Erinnerungsorte der jüngeren deutschen Geschichte. Den Bereich nach 1990 als Denkmal zu sichern, ermöglicht es immer wieder, nachwachsenden Generationen am authentischen Ort die deutsche Teilung, alle damit verbundenen Grausamkeiten aber auch das nationale Glücksgefühl der Öffnung von Mauer und Stacheldraht zu vermitteln. Ziel aller Verantwortlichen sollte es sein, nur die Trassenvarianten zu favorisieren, bei denen deutsche Geschichte optisch nicht in den Hintergrund gedrängt wird."

Nico & Piet Burscheid (Flächen-Eigentümer des Grünen Bandes und der Flurstücke mit den geplanten Maststandorten):
"Als Flächeneigentümer des Grünen Bandes und der einzigartigen Naturflächen des historisch wichtigen Tagebaus rund um den Viktoriasee ist eine derartige Trassenplanung für uns unverständlich. Eine zweimalige Kreuzung der Landesgrenze sowie ein dreifaches Überspringen des Grünen Bandes und des Grenzdenkmales auf dieser kurzen Strecke ist für uns ebenso inakzeptabel wie die geplante Nutzung des denkmalgeschützten Kolonnenweges als Baustraße. 
Eigentum verpflichtet – darum steht für uns der Schutz dieser sensiblen Flächen im Fokus. Eine alternative Trassenführung mit entsprechendem Abstand ist anzustreben."
 

Hintergrundinformationen:

Der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt koordiniert jährlich ein Netzwerktreffen aller Aktiven am Grünen Band, das in diesem Jahr in Hötensleben stattfand. Es dient dem Austausch und der Vernetzung haupt- und ehrenamtlicher Akteure sowie Vereine aus den Bereichen Erinnerungskultur und Naturschutz.
Das Grenzdenkmal Hötensleben ist einer der eindrucksvollsten und authentischsten Erinnerungsorte an die deutsche Teilung, die hier bereits im Mai 1952 vollzogen wurde. Seine besondere Bedeutung beruht nicht allein auf dem originalen Erhalt der Grenzanlagen, sondern auf ihrem Zusammenhang mit der sie umgebenden Landschaft. Auf einer Länge von rund 350 Metern sind die Grenzsperranlagen der DDR mit Betonmauer, Beobachtungstürmen, Kontrollstreifen und weiteren Sperrelementen nahezu vollständig erhalten.
Dem Grünen Band wurde als Ort von ökologisch herausragender Bedeutung und geschichtlicher Erinnerung in Thüringen, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt der gesetzliche Status eines Nationalen Naturmonumentes zuerkannt.
Aufgrund seiner ökologischen und geschichtlichen Bedeutung wurde das Grüne Band im Dezember 2023 auf die deutsche Vorschlagsliste als Welt-Naturerbe gesetzt. Derzeit erfolgt im Auftrag der Kulturministerkonferenz der beteiligten Bundesländer eine Prüfung, ob auch eine Anerkennung als Weltkulturerbe möglich ist. Denn das Grüne Band ist nicht nur eine Arche Noah für Flora und Fauna, sondern auch ein Ort, der an Demokratie, Freiheit und Frieden in unserem Land und ganz Europa erinnert.

Gezeichnet:
•    Christine von Bose (Referentin im Projekt „Erinnerungskultur und Engagement am Grünen Band“ beim Landesheimatbund Sachsen-Anhalt und Organisatorin des Netzwerktreffens)
•    Dieter Leupold (BUND-Sachsen-Anhalt e.V., Projektleiter Grünes Band)
•    Stephan Löffler (Bürgermeister der Gemeinde Hötensleben)
•    Gerald Fröhlich (Bürgermeister der Gemeinde Nordharz)
•    René Müller (Vorsitzender des Grenzdenkmalvereins Hötensleben e.V.)
•    Ulrich-Karl Engel (ehemaliges Kuratorium Grünes Band zur Vorbereitung der Ausweisung als Nationales Naturmonument in Sachsen-Anhalt)
•    Nico & Piet Burscheid (Flächen-Eigentümer des Grünen Bandes und der Flurstücke mit den geplanten Maststandorten)

Für Rückfragen:
•    Dieter Leupold, BUND Sachsen-Anhalt: gruenesband@bund-sachsen-anhalt.de, 0151/12558830
•    Christine von Bose, Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V.: vonbose@lhbsa.de, 0179/22 27 947
•    Stephan Löffler, Bürgermeister der Gemeinde Hötensleben: stephan.loeffler-hoetensleben@web.de, 0173/9072644
•    René Müller, Grenzdenkmalverein Hötensleben e.V.: grenzdenkmal@aol.com
•    Dr. Susan Frisch, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn: susan.frisch@erinnern.org, 039406/ 920 910

 

 

Zur Übersicht

BUND-Bestellkorb